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Kamikaze durch die Krise

Aktualisiert: Apr 5


Frau fährt Fahrrad während der Corona-Pandemie
Mit dem Fahrrad unterwegs auf Hamburgs Straßen – ein gefährliches Abenteuer.

Saarländer können sich zwar auf einem Rad fortbewegen, sie machen es aber selten. Vielleicht mal an einem Sonntag im Sommer mit der Familie entlang der Saar, im Gepäck ein Fläschchen Crémant für den Durst. Aber mit dem Fahrrad am normalen Straßenverkehr teilnehmen? Wenn möglich, bitte nicht.


Kein Wunder also, dass ich mich in Hamburg erst an die vielen Radfahrer gewöhnen musste, die hier im flachen Norden eindeutig das Sagen haben. Auf den Straßen. Und auf den Gehwegen. Selbst wenn ich nur schnell den Müll rausbringen will, schaue ich erst links, rechts und lieber nochmal links bevor ich mich traue, einen Fuß vor die Haustür zu setzen. Nach mehreren Nahtod-Erfahrungen hatte ich genug. Kurzerhand habe ich auf Angriff gesetzt und mir selbst so ein Kamikaze-Ding gekauft. Nach einer etwas unglücklich verlaufenen Probefahrt musste ich mein neues Rad dann aber erstmal im Wohnzimmer parken. Zwei Monate lang.


Dieser Zustand wurde erst beendet, als die Corona-Pandemie begann, meinen Alltag (wie den aller anderen) komplett auf den Kopf zu stellen. Seinen Kollegen zu erzählen, dass man mit der U-Bahn zur Arbeit kommt, ist in Zeiten von Corona sozialer Selbstmord. Blieb die Wahl: lügen oder das Fahrrad entstauben und einen neuen Versuch wagen. Ich habe vor ein paar Tagen den moralisch unbedenklicheren Weg eingeschlagen und bin für meinen sechs Kilometer langen Weg zur Arbeit tapfer in die Pedale getreten. Zumindest habe ich das versucht.


Der erste Kilometer war der härteste. Die ganze Zeit über habe ich mich gefragt, was uns die Verkehrspolizisten bei der Fahrradprüfung in der Grundschule nochmal beigebracht haben. Alle paar Minuten musste ich absteigen und schieben, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Außerdem hat es ein paar Minuten gedauert, bis mir die Idee kam, die Google-Maps-App als Navi zu benutzen und mir den Weg über meine Kopfhörer diktieren zu lassen. Zu meiner Entschuldigung: das letzte mal bin ich zu Beginn meiner Teenie-Zeit regelmäßig Fahrrad gefahren – Saarland halt. Schließlich habe ich die Situation aber gemeistert und als die Lettern des NDR am Horizont auftauchten, war ich richtig stolz.


Aber dieses erhabene Gefühl wurde bald von körperlicher Schwäche zur Seite gedrängt. Schon beim Anbringen des Schlosses wurde mir klar, dass ich mich bald wohl nur noch unter Schmerzen bewegen werden kann. Muskelkater, dachte ich. War auch so. Aber nicht nur. Der psychische Stress und die ungewohnte körperliche Anstrengung hatten meinen Körper in einen solchen Ausnahmezustand versetzt, dass er am nächsten Tag einfach sämtliche Funktionen verweigerte. Ich fühlte mich schwerkrank – Fieber, Kopfweh. Nur dank Aspirin Complex schaffte ich es, mich aus dem Bett zu hieven.


Die einzige Lösung des Problems, die ich in dem Moment noch sehe: #stayhome to #staysafe. Das Fahrrad wurde erstmal wieder ins Wohnzimmer gezerrt.



Ich bin Jana Freiberger, Journalistin, und schreibe auf diesem Blog über mein Leben.

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