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Kebab am Steindamm, Kaschmir auf der Uhlenhorst

Aktualisiert: 22. Sept 2020


Ausstieg U-Bahn-Haltestelle Hauptbahnhof. Ausgang Ost. Einige Minuten laufe ich geradeaus. Dann biege ich links ab. Schon bin ich mittendrin, im Treiben am Steindamm im Stadtviertel St. Georg. Und nein, mir wurde nicht zu viel versprochen. Hier beginnt tatsächlich eine andere Welt. Abrupt, ohne Vorankündigung. Türkische, arabische und indische Supermärkte, Sex- und Erotikshops, Handyläden und Spielhallen bestimmen das Straßenbild. Außerdem ist der Steindamm als Straßenstrich und Umschlagplatz für Drogen bekannt.


Die Händler unterhalten sich auf Arabisch, es riecht nach Holzkohle und gegrilltem Fleisch. Und Koriander – der erste Supermarkt, an dem ich vorbeilaufe, hat es beim Bestücken der Auslage mit der Gewürzpflanze echt gut gemeint. In einer kleinen afghanischen Bäckerei schiebt ein Mann, der seinen Kopf mit einem Palästinenserschal bedeckt hat, Brotlaibe in den Steinofen. Aus dem Fenster der Wohnung darüber hängt eine Regenbogenflagge. In St. Georg wird Toleranz gelebt.

Ich habe Hunger und klappere die Restaurants und Imbissstände der Straße ab. Was sich in die Länge zieht, denn schließlich will ich das beste und billigste Essen finden. In einem kleinen Supermarkt wird direkt hinter der Eingangstür frittiert und gebraten – eine Speisekarte gibt es nicht, aber ein Mann sieht meinen verlorenen und mittlerweile ausgehungerten Blick und hilft mir geduldig weiter. So gut er kann zumindest. Als er auch noch Falafel zum Probieren ausgibt, hat er mich. Ich bestelle eine Portion roter Würste im Fladenbrot, von denen ich bis jetzt immer noch nicht ganz genau weiß, was drin war, und bekomme eine üppige, frisch gegrillte Portion für drei Euro. In einem Baklava-Laden gegenüber decke ich mich mit Süßwaren für die ganze Woche ein. Aus Versehen, ich hatte die Größe unterschätzt. Den Preis übrigens auch – aber egal, ich bin zufrieden.


Schnitt. Ein ziemlich harter Schnitt.


Etwa eine Stunde später stehe ich mitten auf dem Uhlenhorster Stadtteilfest und durchforste Flohmarktstände nach Schnäppchen. Aber irgendwie will kein wirkliches Flohmarkt-Gefühl aufkommen. Die Besucherinnen tragen hier Hermès-Schälchen, die Männer sind im Freizeitlook unterwegs – Polo-Shirt und Segelschuhe, die abzugebende Ware hängt an Karl-Lagerfeld-Kleiderbügeln. An einem Stand liegen ausschließlich Kaschmir-Pullover aus. Ich frage gar nicht erst nach dem Preis und verbringe die Zeit lieber damit, die wunderschönen Stadthäuser anzustarren, die zu beiden Seiten der Straße stehen. Kurz stell ich mir vor, in einer der sanierten Altbauwohnungen zu leben und lass es dann auch schnell wieder, da: sehr sehr unwahrscheinlich. Und eigentlich will ich es auch gar nicht.


Denn so wunderschön Stadtteile wie Uhlenhorst, Winterhude und Harvestehude auch sind, mir persönlich sind sie zu geleckt, zu steril. Allein die Preise der Asia-Imbisse würden mich außerdem schon davon abhalten, hierherzuziehen. Wucher. In Winterhude gibt es zwar den "Supermarkt des Jahres", Edeka Niemerszein am Mühlenkamp, aber der Einkauf dort wäre mir zu anstrengend. Denn ich persönlich gehe lieber einkaufen, ohne vorher einen Termin beim Friseur und einer Stylistin gehabt zu haben. Am Steindamm möchte ich übrigens aber auch nicht wohnen. Dazu bin ich dann doch zu behütet aufgewachsen.


Das Fazit des Tages ist also: ich bleibe, wo ich bin, wer nach original arabischem Essen sucht und günstig frisches Gemüse und Obst kaufen möchte, muss zum Steindamm und wer richtig Kohle hat, sollte mein Gerede vergessen und sofort auf die Uhlenhorst ziehen.


Hamburg, Woche 4



Das beste an Hamburg ist sowieso die Elbe.


Ich bin Jana Freiberger, Journalistin, und schreibe auf diesem Blog über mein Leben.

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